Spinnenregen: der Ekel von oben

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Was für viele nach einem schlechten Horrorfilm oder einem Alptraum klingt, wurde für die Bewohner des Staats New South Wales in Australien zur grauenhaften Realität. Das Städtchen Goulburn fiel einem gruseligen Spinnenregen zum Opfer. Über der gesamten Stadt spannte sich ein gewaltiges Netz, in dem unzählige Spinnen herumkrabbelten und herabzustürzen drohten. Die Gründe für den Spinnenregen waren lange ungeklärt und trieben Experten an den Rand der Verzweiflung. Dabei ist die Ursache so simpel wie nachvollziehbar, fanden Naturwissenschaftler schließlich heraus.

Spinnenschreck aus heiterem Himmel

Die Arachnophobie beschreibt die panische Angst vor Spinnen, doch man muss kein Phobiker sein, um diese Massen an krabbelndem Ungeziefer ekelerregend zu finden. In Goulburn ließ sich zeitweise kein einziger Fleck mehr ohne Spinnen ausfindig machen, die kleinen schwarzen Übeltäter verteilten sich in Häusern und auf Freiflächen. Die Stadt glich der Kulisse eines besonders gelungenen Hitchcockfilms, überzogen von weißen Netzen und voll von verängstigten Bürgern. Für ausgeprägte Spinnenhasser war dies die Hölle auf Erden.

Der vierte Mai bleibt in schauriger Erinnerung

Weltweit erzeugt das Phänomen des Spinnenregens große Aufmerksamkeit. Gruselfans und Naturwissenschaftler tüfteln an Erklärungen und auch Journalisten bleiben der Sache auf der Spur. Bei einem Spiegelinterview schilderte ein australischer Bauer seine traumatischen Erlebnisse, die ihn am vierten Mai einholten.

Ian Watson, das muss gesagt sein, ist waschechter Australier und das Leben und die Arbeit mit kreuchendem und fleuchendem in seinen Feldern gewohnt. Trotzdem kam die plötzliche Plage auch für ihn vollkommen überraschend. Es war ein sonniger Frühlingstag, an dem der sorglose Bauer von der wahren Wucht des australischen Tierreichs vollends übermannt wurde.

Als er aus der Tür seines Bauernhauses trat und ins Sonnenlicht blinzelte, erblickte Watson nicht etwa die fadenartigen Gutwetterboten, die sonst als Wolken über seinen Feldern erschienen. Über seinen 10 Hektar Land und, viel schlimmer, über seinem Kopf erstreckten sich dicht gewebte Spinnennetzen, bevölkert von den fleißigen Weberinnen.

Die schwarzen Spinnen bescherten ihm einen furchterregenden Anblick, viel dramatischer war jedoch, was folgte. Die kleinen Scheusale stürzten reihenweise auf den Bauern herab und verbissen sich brutal in Gesicht, Arme und den Bart. Wem es jetzt kalt den Rücken hinunterläuft, ist mit den Bewohnern Goulburns in bester Gesellschaft.

Goulburn kein ekliger Einzelfall: In Australien regnet es regelmäßig Spinnen

"Engelshaar" nennen die Australier die schaurige Hinterlassenschaft der Spinnen beim Spinnenregen. Städte wie Wagga Wagga oder Soulburn in New South Wales können immer wieder ein Lied davon singen. (Foto:shutterstock - Alexander Sviridov)

„Engelshaar“ nennen die Australier die schaurige Hinterlassenschaft der Spinnen beim Spinnenregen. Städte wie Wagga Wagga oder Soulburn in New South Wales können immer wieder ein Lied davon singen. (Foto:shutterstock – Alexander Sviridov)

Im Jahre 2012 zog das Städtchen Wagga Wagga das bittere Los. Fast 50.000 Menschen litten damals unter den herabfallenden Spinnen. Heute haben die Bürger dort bereits einen Namen für die Plage, denn es kommt immer wieder zur Invasion. Lange weiße Fäden und unheimliche Netze umspannen die australische Gemeinde dann wie eine Kuppel.

Die euphemistische Bezeichnung „Engelshaar“ hierfür ist vermutlich ein Versuch, mit dem natürlichem Phänomen von Mutter Natur zurechtzukommen und es im Alltag zu tolerieren. Jedoch liegt hierbei eine starke Betonung auf dem Wörtchen Versuch: Die tippelnden schwarzen Spinnen überall erfordern ein hohes Maß an der Liebe zur Natur.

Doch wie entsteht das Mysterium des Spinnenregens?

Zuerst erschien das schauerliche Phänomen gleichermaßen unerklärlich wie grauenvoll. Die allseits ungeliebten Krabbeltiere griffen jetzt auch noch von oben an und besetzten ganze Städte? Wie sollte das von statten gehen?

So mysteriös, wie das Ereignis für viele Betroffene gewirkt haben muss, so einfach ist jedoch die Erklärung. Die Spinnen selbst agieren bei dem Vorgang nicht gar bösartig, sondern können selbst nichts für ihren unkontrollierten Sturz aus dem Himmel. Denn eigentlich sind die Tiere auf der Flucht vor dem Hochwasser, erklimmen so hohe Bäume und legen dort ihre Eier ab. Nachdem die Jungtiere geschlüpft sind, springen sie aus ihren Nestern und legen in gewisser Weise einen Fallschirmsprung hin. Beim „Ballooning“ nutzen sie ihre Netze als Fallschirm, um sanft und sicher zum Erdboden zu gelangen.

Die unvorhersehbaren Witterungsbedingungen Australiens lassen jedoch häufiger mal einen Sturm oder starke Windböen aufkommen. So werden die schwebenden Spinnen oftmals vom Wind erfasst, zurück in die Luft gewirbelt und mehrere Kilometer weiter getragen. Wenn der Wind dreht oder sich überraschend legt, fallen die Spinnen samt Netzen vom Himmel herab und bescheren den Anwohnern einen buchstäblichen Schauer aus den Wolken.

Australien litt unter besonders vielen Spinnenregen

Wer also nichtsahnend in den Himmel blickt, wird eher von einem Spinnenschwarm als von einem Spinnenregen überrascht. Die sehr leichten Spinnen taumeln aus luftigen Höhen Richtung Boden, verhaken ihre Netze ineinander und fallen im schlimmsten Fall auf ahnungslose Menschen herab. Nach starken Regengüssen verweben die Spinnen ihre Netzschleier noch dichter, um sich vor den Wassermengen in Sicherheit zu bringen. In den Städten bevölkern sie Häuser und verkriechen sich überall, wo es trocken ist.

In den letzten Jahren kam es in Australien zu einigen Spinnenplagen, die mehrere Städte in gruselige Schleier hüllten. Vor allem in den vergangenen Sommern verlief die Fortpflanzung vieler Spinnenarten dort rasend schnell. Denn durch das feuchte Wetter gibt es mehr Insekten und damit mehr Nahrung für Spinnen. Somit steigt die Wahrscheinlichkeit für die Horrorszenarien der Spinnenregen besonders in den warmen und feuchten Sommermonaten. Von Oktober bis März lässt sich das Phänomen am häufigsten beobachten.

Schockierende Bilder aus Australien (Video)

Die gruseligen Bilder von den spinnenbesetzen Städten Australiens sorgten auf der ganzen Welt für blankes Entsetzen. Dicht verwoben erstrecken sich die gespenstischen Netze kilometerweit über die Bewohner.

Video: It’s raining spiders! Spider rain phenomenon explained

Naturkatastrophen treiben die Spinnen ins Haus

Auch in diesem Jahr brachte ein gewaltiges Hochwasser Spinne und Mensch näher zusammen. 2021 kamen vor allem in Sydney und an der Ostküste Australiens viele der Achtbeiner in die Innenräume, sehr zum Leidwesen der Australier. In der Politik spricht man bereits von einem Jahrhunderthochwasser, vor dem sich viele tierische Bewohner der australischen Wildnis in die Städte geflüchtet haben.

Wie kommt es zum Spinnenregen?

Die Spinnen nutzen ihre Netze als Fallschirme, um von höher gelegenen Nestern auf den Boden zu gleiten. Der Wind treibt sie jedoch bis zu tausend Kilometer weit weg von ihrem Geburtsort. Schließlich fallen die Spinnen samt ihrer Netze wie Regen vom Himmel.

Wann beginnt die Spinnensaison?

Es kommt vor allem in den wärmeren Monaten zu Spinnenregen und in Australien beginnt der Sommer ab Oktober. Bis zum März ist die Luft warm und feucht, dank der intensiven Regengüsse und sommerlichen Stürme stehen die Chance für das Naturereignis also vor allem im Sommer nicht schlecht.

Wie groß werden australische Spinnen?

Besonders bekannt ist die australische Huntsman-Spinne, die durchschnittlich einen Durchmesser von 20cm erreicht. Eine sehr ambitionierte Vertreterin dieser Art, die Huntsman-Spinne „Charlotte“ erreichte jedoch eine Größe von 40cm. Damit ist sie bis heute die größte ihrer Art. Dennoch besteht bei kaum einer dieser Spinnen Grund zur Panik. Der Anblick der dicken schwarzen Riesenspinnen ist zwar alles andere als angenehm und löst sicherlich nicht nur Ekel, sondern auch Angst aus. Hochgiftig und aggressiv ist diese Art Spinnen jedoch auf keinen Fall. Sie fangen ihre Beute, die aus Insekten oder sehr kleinen Säugetieren besteht, in ausgeklügelten Netzen.

Die australische Huntsman-Spinne jagt vielen erstmal einen gehörigen Schrecken ein, wirklich gefährlich ist sie für uns Menschen jedoch nicht. ( Lizenzdoku: Shutterstock- Wright Out There )

Die australische Huntsman-Spinne jagt vielen erstmal einen gehörigen Schrecken ein, wirklich gefährlich ist sie für uns Menschen jedoch nicht. ( Lizenzdoku: Shutterstock- Wright Out There )

Wie viele gefährliche Spinnen gibt es in Australien?

Insgesamt wird die Zahl der Spinnenarten in Australien auf etwa 10.000 geschätzt. 2.700 Arten davon sind sehr gut erforscht und beschrieben. Die meisten sind jedoch vollkommen ungefährlich für den Menschen und sehen meistens furchteinflößender aus, als sie tatsächlich sind. Ausschließlich zwei Gruppen werden als ernsthaft gefährlich eingestuft.

Zum einen sind das die Funnel-web Spiders mit drei Gattungen von Spinnen, die durchaus bedrohlich für den Menschen sein können. Außerdem die Redback-Spiders, diese sind an ihrem auffälligen roten Rücken gut zu erkennen und entsprechend zu meiden. Der Kontakt mit Mouse Spiders ist zwar nicht lebensbedrohlich, kann jedoch zu ernsthaften gesundheitlichen Konsequenzen führen.

Die meisten Spinnen in Australien erscheinen gefährlicher, als sie es tatsächlich sind. Vor dieser Spinne sollte man sich jedoch in Acht nehmen! Der Biss einer Redback Spider wirkt höchst giftig. ( Lizenzdoku: Shutterstock- Peter Yeeles  )

Die meisten Spinnen in Australien erscheinen gefährlicher, als sie es tatsächlich sind. Vor dieser Spinne sollte man sich jedoch in Acht nehmen! Der Biss einer Redback Spider wirkt höchst giftig. ( Lizenzdoku: Shutterstock- Peter Yeeles )

Die Funnel-web Spiders gehören zur Familie der Atracidae und kommen ausschließlich in Australien vor. Sie unterteilen sich in zwei Gattungen, die Hadronyche und die Atrax. Diese bestehen aus insgesamt 34 Arten, deren Gift tödlich für den Menschen, für Säugetiere wie Hunde oder Katzen jedoch vollkommen harmlos ist.

Die gefährlichste aller Spinnen stammt aus der Atrax Gattung und sorgt bereits mit ihrem Namen für Aufsehen. Atrax robustus oder auch Sydney Funnel-web Spider genannt, sorgt vor allem im Umkreis der Metropole Sydney für Angst und Schrecken. Das gefährliche Gift des Spinnen-Männchens wirkt auf den Menschen 5-mal so tödlich, wie das Gift des Weibchens.

Wenn die Männchen im Sommer auf Paarungssuche gehen, können sich die Bewohner Sydneys schon auf unerwünschte nächtliche Treffen in ihren Wohnungen einstellen. Die großen Spinnen begeben sich am liebsten in der Nacht auf ihre Suche nach Weibchen und so kommt es zu 30 bis 40 Spinnenbissen durch die Atrax robustus pro Jahr. 13 Menschen starben an den Nachfolgen des Giftes, doch 1980 wurde das rettende Gegengift entwickelt. Daher muss in Sydney heutzutage keiner mehr den Tod durch einen Spinnenbiss fürchten.

Spinnenplage als Indiz eines intakten Ökosystems

Jedoch sollte man die Spinne nicht nur als ekelerregenden Schädling betrachten, meinen Naturwissenschaftler der Universität Sydney. Die kleinen Krabbler sind zwar nicht die beliebtesten Vertreter des Tierreichs und genießen noch dazu keinen besonders guten Ruf.

Dennoch spielen sie in der Natur und dem Ökosystem Australiens eine unverzichtbare Rolle. Ohne die Spinnen würde es dort zu einer Überbevölkerung kleinerer Insekten kommen, deren natürliche Fressfeinde die Spinnen nun mal sind. Auch die Spinnenforscherin und Biologin Lizzy Lowe spricht sich für mehr Verständnis gegenüber der schwarzen Weberinnen aus. Die Spinnen sorgen lediglich für ihr Überleben und sollten daher nicht von anderen einheimischen Tieren wie Hunden oder Schafen unterschieden werden.

Heftigster Spinnenregen aller Zeiten

Das bisher größte Spinnennetz mit den meisten Spinnen darin entstand ebenfalls in Australien. Die kleine Insel Tasmanien ist bereits für ihre „Tasmanischen Teufel“, eine Art der Raubbeutler bekannt. Am östlichen Rand des indischen Ozeans gelegen, bekamen es die Inselbewohner Tasmaniens aber noch mit einer ganz anderen Art gruseligem Ungetier zu tun.

Es war im Jahr 2016, als mehrere Tausend Spinnen, vom Wasser auf die hohen Bäume getrieben, das weltweit größte Netz aller Zeiten spannen. Die meisten Städte verschwanden unter einer gespenstischen weißen Kuppel und die Spinnen rieselten auf die entsetzen Tasmanier herab. Die Insel erlangte damals weltweite Aufmerksamkeit durch ihre Spinnen.

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Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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